Familien Nachrichten und Geschichten und

Warnungen

an

meine Kinder

 

Selbsthändig geschrieben mithin beglaubigt im Winter 1808.

J.Ad.Steffens

 

Nunquam sis ex toto otiosus, sed aut legens aut scribens, aut orans, aut meditans aut aliquid utilitatis pro communi laborans.

 

Thomas a Kempis lib I cap.19 et lib. III cap. 117

 

Sei nie ganz müßig, entweder lese oder schreibe oder bete oder betrachte oder arbeite etwas gemeinnütziges.

 

Herstammung :

 

Bei fühlendem Stande ist es ein Natur-Reitz soviel möglich seine Herkunft zu wissen, - nur bei gefühlloser pöbelhafter Erziehung zeugt dieses eine Gleichgültigkeit als ein Folge der Unwissenheit. Ohne literirte Denkungskraft ist kein feines Gefühl denkbar. Die Menschen-Klasse von diesem Schlage hält kaum nur nach wer ihr Vater ware. Weiter hinaus ist dessen Gepräge ohne Druck.

 

Mein Urgroßvater stammt aus Münster in Westphalen her, er stand in dasigen Kriegsdiensten als Auditeur bei einem Regimente.

 

Von da wurde er von Churfürst Johann Wilhelm im Jahre 1670 in Pfälzische Dienste gezogen und als Amts Verwalter des Bergischen Amtes Lewenberg angestellt; - mir ist unbekannt durch was für eine Gelegenheit er aus jenen Diensten in die pfälzische überging. Er war ein starker Rechtsgelehrter, daher vermuthe ich, daß der damalige Bischof von Münster ihn in Landesgeschäften gebraucht, und oft nach Düsseldorf gesandt habe, und daß er in dieser Art, Veranlassung bekommen seinen unsteten Militair-Dienst mit dem steten Civildienste zu verwechseln.

 

In Honnef, dem ansehnlichsten Dorfe des Amtes ließe er sich nieder, baute dort ein sehr festes Haus nach uralt fränkischer Art, daß wegen seinen sehr dicken Mauern die Bauern den "steinernen Strunk" benannten; und heirathete die Tochter des Geheimen-Staats-Secretairs Pells (Pell,Bell) von Düsseldorf, womit er zwei Söhne erzeugte.

 

Der Franz Xaver Trips, ein gelehrter Mann war zu seiner Zeit Pfarrer in Honnef. Die Pfarrei, die nachher abgebrannt, lag, von hinten zu in der Nähe des Urgroßvaters.- Sie waren beide als Männer von Geist und Kopf compatisirend stete Freunde und bei ihrer Wohn-Nähe täglich zusammen.

 

Dieser Trips ist derjenige, der in tyrocinio poetico die Descriptionem metricam de Europeae Statu, verfaßt hat,- er war der Hofmeister vom Churfürst Johann Wilhelm hiernach Hof-Kappelan, und endlich, wie oben gesagt Pfarrherr in Honnef. -

 

Diese große Kirchspiel, das bei 3000 Seelen in seiner Pfarre zählt, hat bei und um das Schloß Lewenberg große Waldungen, woher der Churfürst fast alljährlich dorthin auf die wilde Schweinsjagd kame, und jederzeit bei meinem Großvater einkehrte, daher der obere Saal in seinem Hause, das Churfürsten Zimmer genannt wurde.

 

Der Churfürst fragte ihn, was er als Dorf-Pfarrer mache ? - er wolle ihm eine Prebende bei der ersten Erledigung auf dem besten Canönchen-Stift seines Landes geben,- Trips verbat es mit dem Ausdruck: Ihre Durchlaucht! Höchstdero Amts-Verwalter ist, wie sie bei unserm Umgange sehen ein solche Freund von mir, daß ich ihn mein lebenlang nicht verlasse, - dessen Gesellschaft, und seine jetzt angewöhnte Pfarre zöge er allen Präbenden vor. Hieraus zeigte sich also,  welch innige Freundschaft dieser zu jenem hegte. -

 

Die nämliche Gegenfreundschaft meines Urgroßvaters bande mit dessen nun schon gemachten Haus- und Hofes angesäßigkeit diesen jetzt ebenfalls nicht weiter zu wechseln als er ebenso wie jener vom Churfürsten in höhere Dienste befördert werden konnte. Statt dessen bat er nur seinen ältesten Sohn unterzubringen. Auf Frage des Fürsten, was er denn für ihn verlange, begehrte er die Anwartschaft auf die dasige Amtsgerichtsschreiberei des damaligen losledigen Gerichtsschreibers Ley, der zu seiner Zeit auf unserem in der Folge vom Regierungs-Rath Rheinbach gekauften Gut am Mainzenberg gewohnet hat, und zwar in dem noch bei dem neuen stehenden uralten Gebäude, wowie nach alter Tradition in den Vorzeiten sich sogenannte Quacken aufgehalten haben sollen;- damit er diesen seinen Sohn in seinen alten Tagen bei sich habe. - er wußte sehr wohl, daß diese Gerichtsschreiberei schon in damaliger Zeit über 1000 r. abwerfe, statt er seine Amts-Verwalter nur zur Hälfte rechnen konnte. Erstere hat blos aus der Steuer-Conscription, die jährlichs d.i. jährlichs die Steuer-Bücher zu machen, bei 300 r/. stabil und hiernebst die gewöhnlichen Gerichts-Emolumente eines so großen Amtes.

 

Diese Anwartschaft sagte der Fürst ihm nicht nur gleich zu, sondern fragte weiter was er denn aus dem Karpfenzungenfresser machen wolle, dem zweiten Sohne Ruttger? Diesem traute er zur Welt nicht genug Witz zu und gedächte also diesen in eine alte Abtei zu bringen. Nun hieß es: wohlan schicken sie diesen nach Heisterbach und lassen ihn dem Prälaten sagen, ich zahlte die Kösten;- er träte in's Noviziat (Probejahr) bleibe aber nur 3/4 Jahr und ging wieder aus ohne etwas besonderes mit ihm in der Welt machen zu können. Man überließ ihn also dem fruges consumere natus, machte ihn zur Noth zum Gerichtsscheffen und ließ ihn in den damaligen Kriegen zweimal als Geissel nach Luxemburg abführen ohne daß man dem Amte dafür eine Ranzion (Lösegeld) forderte; dagegen die Familie dieses Opfer stetshin in der Folge in den Bittschriften zu Bedienungserhaltungen anzoge und auch bis auf meine Zeiten, bis wohin wir bei anderthalb hundert Jahren, in fürstlichen Diensten standen, seine verdienstliche Mitwirkung machte.

 

Die Geschichte des Karpfenzungenfressers war diese: daß einstmals der Mundkoch des Fürsten, den er allzeit mitbrachte, ein Gericht von puren Karpfenzungen als Leckerbissen gemacht hatte, dieses der junge Rüttger weggeputzt und heimlich gegessen hatte.

 

Wie die Abmahlungen (Portraits) zeigen, war die Urgroßmutter eine sehr schöne Frau; - die Natur spielt oftmals noch bis in die 3te 4te Generation. Meine selig verstorbene Tochter Helen ähnelte in ihren Gesichtszügen der Urgroßmutter nebst ihrer Ur-Ur-Großmutter und ich dem Urgroßvater, wie ich dieses im Spiegel oft beobachtete. Uberhaupt geht die Nasengleichung durch jede Generation bisher zur Vierten durch, so daß die Steffens-Nasen gar zum Familiensprüchwort wurden; das mich an den Ovidius Naso mahnt; also vielleicht gelehrte Nasen noscitur ex naso, quanta sit nota viro (Kenntnisse der man? hat).

 

Der Stamm-Vater war also in Münster gebürtig,- wenn daher sich noch dereinstens ein unvorsehender Familienfall ereignen sollte,(wie schon unten ein versäumter war) wobei die höhere Stamm-Linie noch weit zurück erforschet werden müßte, so würde man sich in den dortigen Taufbüchern aushelfen können.

 

Warnung :

 

Als mein Bruder in Düsseldorf aufgehender Hofrath war, und ich um diese Zeit auch dort mich in praxi befand, nämlich im Jahre 1765 sagte uns der Hofkammerrath Weiler, der zugleich einen Weinhandel führte, und wodurch er oft nach Münster käme, warum wir nicht eine Reise dorthin machten, da wir doch eine so reiche Verwandtin dorten hätten, nämlich, die Weinhändlerin Wittib Steffens, ohne daß wir wüßten, deren noch am 1eben zu sein und noch weniger, daß diese Wittib ohne Kinder war, so oft wir in Gesellschaft des Hofraths Weiler waren, machte er davon Anwurf und fragte jedesmal ob wir noch nicht zu Münster gewesen wären.

- Ich war damals noch ein unbesonnener junger Mensch, selbst von bemittelten Eltern her, hörte es lächelnd an, sagte und dachte gelegentlich auch einmal diese Reise zu machen, gleichwohl kam nichts daraus und am Ende kam es gar in Vergessen. Meinem Bruder, der aber in reifen Jahren war, ist's sehr zu verübeln, daß er nicht auf eine Hinreise gedrungen, statt es zuletzt in gänzlichen Vergeß zu kommen. 15-20 Jahre später vernahmen wir zufällig, daß sie auf einen von Weitem Anverwandten ihrerseits alles vermacht habe, obschon das größte Vermögen von Steffen'scher Seite hergekommen war. Hofkammerrath Weiler sagte immer, daßs sie dem in Münster allgemeinen Rufe nach 80 bis 9o Tausend Thaler besessen habe.

 

Welch große Versäumniß! welch großen Schaden, mag also durch diese unterlassene Reise nach sich gezogen haben, wenn auch nur vielleicht die Hälfte davon ererbet worden wäre. Eigentlich rührte aber doch diese Kaltblütigkeit von einem alten Erzählchen her. Dieser Weinhändler Steffens seien in ihren ersten Ehejahren, wenn er jährlichs zum Einkauf in's Rheingau gereiset, sie zu besuchen gekommen. Da aber mein Vater seel. selbst viele Weingüter sohin auch vielen Wein zum Verkauf hatte, jedoch nie von ihm kaufte, ward er hierüber seiner Freundschaft ganz abgeneigt, und wahrscheinlich sind durch diese Kaltblütigkeit die weiteren Besuche unterblieben, obgleich ersterer ihm erwidert hatte, daß in Münster und dem ganzen dasigen Lande keine Blauharte (rothe Weine); andere bloß schwere Rheingauer getrunken würden. Dies war also ein vernünftiger Gegengrund, der ohnehin allgemein bekannt ist, mithin auch schon ein Fehler von meinem Vater seel. deshalb die Familien-freundschaft unterbrochen zu haben, wo sie noch auf jeden Fall seinen Kindern zu Liebe hätte müssen unterhalten werden, statt den Kindern gar noch durch solch ein ungegründetes Erzählchen Gleichgültigkeit einzuflößen.-

 

Dies sei also euch Kindern eine Lehre, nie in eurem Leben dergleichen Vorfälle geringfügig zu halten, wann auch je einstmals ein solcher Familien-Umstand vorkommen sollte, gar mit fremden laßt es an in solchen Fällen an Anthunlichkeiten nicht fehlen. Ioh bin der festen Meinung durch obige Fahrlässigkeit meiner Familie eine ansehnliche Erbschaft entgangen zu sein, worüber mir bis auf heutige Stunde in meinen Gedanken noch immer Vorwürfe mache.

 

Der Großvater hatte inzwischen die erledigte Gerichtsschreiberei-Bedienung schon angetreten, das elterliche Haus behagte ihm nicht theils weil es ihm kerkermäßig schien, theils wegen seinem noch lebendem Vater, mit der Absicht es in der Folge seinem Bruder zuzutheilen, baute er sich in mehr offener Lage und mit weit besserer Einrichtung. Er war ein Freund von Künsten und Wissenschaften: Alle Zimmer mit guten Gemälden behangen im Saale gar ein Bronce-Leuchter das zu der Zeit bei Privaten was Seltenes und kaum sich noch beim Adel befanden. Als Musikliebhaber hatte er selbst eine eigene Tragorgel nebst Terzstück im Hause;- so gemein diese Tragorgeln jetzt durch alle Stätte, gar über Land gehen, so selten waren sie damals noch, und fast ganz unbekannt. Als jovial von Gemüthe hatte er seine Freude bei seiner Landhaushaltung mit dieser Orgel zum Martin Abend- 3 Königen, Fastnachtstagen und dergleichen seinem Hausgesinde aufspielen zu lassen.

 

Vom Mahlen war er ein solch spaßiger Liebhaber, daß er nicht nur Alles im Hause bemahlet, sondern sogar im Hofe auf dem Scheunenthor 2 Treschen mit Flegeln, auf der Pferdstallsthür Pferde, auf der Keltershausthür den Weingott Bachus, -auf dessen Fensterladen das Bachus-Gefolge von Satiren und auf der Abtrittsthür ein Pillen einnehmender Klistirsezer. Hätte er nicht ein Gegitterportal am Garten gehabt, so würde da auch noch eine Flora gestanden haben. Er war auch ein guter Trinker, sein Reitpferd kam zuweilen allein nach Hause die Botschaft bringen, daß sein Herr unterwege abgefallen, und man ihn holen müsse, besonders wenn er bei dem Licent-Kommissar Brosi zu Dollendorf zu Gast gewesen war.

 

Er hatte nur eine Tochter und einen Sohn, meinen Vater, lebte immer liberal und fragte nicht mal nach letzterem, weil dieser sehr haushälterischer Natur war;- er wurde zuletzt durch das Podagra ganz bettlägerig, trat meinem Vater seine Bedienung gegen ein Deputat von 200r ab, hatte 3-4 Hunde auf seinem Bette liegen, in der Meinung diese das Podagra an den Füßen erleichtern;- konnte keine kleine Kinder um sich leiden, wozu er eine lange Schmucke, die durch das ganze Zimmer reichte am Bette hatte, um meinen Bruder damit wegzujagen; hatte die Wittib Caschina zu seiner Aufwartung und starb im Witthumstande im Jahre 1748. Er hinterließ sein von seinen Eltern ererbtes Gut ohne etwas dazu zu erwerben. Wegen den dasigen Rheinwerderen ist der Strom so stand, daß keine Fischerei statt hat; - ermachte sich also in einem Busche einen Weier, der noch bis auf heutigen Tag der Steffens-Weier heißet, und ich ihn in Besitz hab. Er ließ sich also das Axiom genug sein: non minor est virtus, quam quaerere parta tueri.

 

Die Großmutter war eine Tochter des Kaiserlichen Postmeisters Johann Deutzmann in Köllen, die nebs ihren anderen Vermögen den halben Rittersitz Dahlhausen im Bergischen bei Elberfeld beibrachte, den mein Vater in der Folge an seinen Schwager, Gerichtsschreiberen Brückelmann zu Beyenburg gegen den Antheil seiner Honnefer Güter vertauschte;- sie war eine stille gütige Frau und starb einige Jahre vor meinem Großvater.

 

Meinem Vater gefiele weder das Urgroßväterliche noch das Großväterliche Haus, sondern dieser baute sich vor das Dorf mitten in das Feld ganz allein liegend wieder ein neues, das fast die Größe eines Klosters hat; - in der Vorder-Facet sind 30 Fenstern, an den Seitenflügeln 12 und von hinten 28, machen in allem 70 Fenster, ein Keller darunter, der schwerlich am ganzen Rheinstrom seines Gleichen findet, und an 200 Fuder Wein fassen kann. Er hat einen Querbogen, der für ein Meisterstück gehalten wird; im Hause eine so breite Treppe, daß 3 Personen neben einander zugleich aufsteigen können, - im Hof einen über 130 Fuß tiefen Brunnen, der wegen seiner Tiefe an 300 rl. gekostet hat; - ein Lustgarten von 2 1/2 Morgen, den er mit einer hohen Mauer eingefaßt, die auch über 1000 r. kostete; darauf hielt er seinen gelehrten Gärtner Orangerie mit Treibhaus, war mit dem kostbarsten Spalierobst besetzt, und dazu so viel Lattengeländer darin, daß dieses auf`s vierte Jahr anzustreichen an 200 r. wegnahmen; hatte seine vollständige ...... mit allen Gattungen der besten Blumen, die er aus Holland verschrieb, - 50 Taxbäume darin zu Pyramiden deren jeder ein Dukat gekostet - eine Fontaine - Statuen - und verschiedene Alleen machten die weiteren Zierden. Er hielt seine zwei Pferde und Gefähr, doch aber bei allen diesem der größte Sonderling nach seinem Naturell. Er verbaute Tausende, brach dieses Jahr wieder ab, was er im vorigen gebaut, um nur immer am Bauen zu bleiben, kein Geld für Gärtnerei war ihm zu viel, und ebenso nicht zur Musik, auf diesen dreien Gegenständen ruhete seine ganze Lieblingsleidenschaft, dabei aber ein auffallender Contrast, dieser war: ein Liebhaber vom Bauen zu sein - und nicht dem Bauen sein volles Zubehör zu geben, denn er begrenzte sich nur auf Äußere des Wunsches. - Wunderbar war es, der Ansprache-Saal - das Speisezimmer - Kinder- und Schreibzimmer waren nur geweißt - sein Schlafzimmer stande sein Leben lang, wer sollte es glauben? - nur in Plästerung, und er starb darin, ungeweißt; im ganzen Hause hatte er nur selbst machen gelassen gemeine hölzerne Stühle, nur ein Dutzend Plüschen im Saale, weil er diese von seinem Vater in der Theilung erhalten hatte, und sonst gewiß nicht selbst angeschafft haben würde. In einigen Zimmern hingen einige gute Gemälde mit einigen schön eingelegten nußbaumenen Schränken, wovon ich noch einen oben auf dem Kabinette stehn habe, dreien großen Spiegellen und den nur nothdürftigen Bettungen.-

 

Dies war nebst den unentbehrlichen Küchengeschirren sein gesamtes Hausgeräthe, ohne seine ganze Lebenszeit was mehreres, außer einer Stand-Uhr angeschafft zu haben. Die Uhr, so eine echte englische ist, war doch nur zufällig, daß ein Amtseingebohrener als Uhrmachergesell in London gestanden, diese mit nach Hause gebracht, von ihm einen Zulaß Wein kaufte und dafür diese Uhr überließ; sie kostet also 80 r., wenn ich diesen Zulaß reinen Wein zu 4 Ahm jede zu 20 r. veranschlage. Es ist die, so ich hier auf meiner Treppe stehen hab. Die Ronndorfer und Königswinterer Hausteinbrüche sind nur 1/4 - 1/2 Stunde von Honnef ab und dennoch ließ er meiner Mutter die Küche ungeplattet mit Bord liegen, ungeachtet sie mit einer großen Landwirthschaft mit 4 Knechten, 3 Mägden, vielen Taglöhnern zur Zeit der Hauptarbeiten, Pferde, Kühen und Schweinen, zweier steeter Scribenten und Kindern belastet, in kurzen Jahren ausgeschlissen und verfaulten Gebünnen, in dessen Löchern das Gesinde schier den Hals brach und 100 mal mit Kochtöpfen und Schüsseln gefallen war. Wir Kinder ließen sie erst im Wittumstande unserer Mutter belegen. Hieraus sieht man also offenbar wie wenig er nach dem Innern seiner Bauerei fragte; noch hatte er dabei den Fehler nichts solid zu bauen, z.B. ein Theil der Husmauern hat er gar mit Leinen gemauert; und den zweiten Theil von hinten in Holz gestellt. So war auch alle Stallung, Schoben, Remise, Brauhaus, Scheuer und zwei Kelterhäuser und Gartenhaus; doch kann ich hier nicht unbemerkt lassen, aus der Erfahrung zu sagen, daß eine leime Hausmauer unter Dach im untern Stocke 2 1/2 und im oberen 2 Fuß wie sie da ist mit einem guten Bewurfe Jahrhunderten trotzen könnte. Er baute anfangs der 1730ger Jahren, jetzt steht es also beinah ein Jahrhundert und kann fernere unerschüttert dauern. Er hatte anfangs das Haupthaus in einem Flügel bestehend im Prospekte nach der Landstraße zur Aussicht nach dem Rhein gerichtet und den Garten zu einer Seiten liegend, wie seine Gartenliebhaberei mit der Folge seines großen Vermögens stiege, so fiele ihm ein, eine neue Hauptface nach dem Garten richtend beizubauen, um den Hauptprospect in dem Garten auf das Haus - und im Haus aus allen Fenstern in den Garten zu haben. Dadurch entstand aus dem Gebäude ein Triangular, wovon jede Hälfte schon an und vor sich selbst eine übergroße Wohnung ausmachte, da diejenige Facade nach dem Garten zu, allein für sich obwegen meldete 30 Fenstern zählte und nebst in den Garten zugleich die volle Aussicht auf die so berühmten Siebenberge haben. Dadurch mußte also die Geburt der Größe eines Klosters nothwendig folgen. Wahr ist es, daß es wohl die schönste Lage nebs Godesberg am ganzen Rheinstrom haben mag. Aber was für überflüssiges Gebäude, anders als zum Schaden. Er konnte in Kleinerem all das nämliche schön und solider haben, zumal wo Beamtens Kinder im ganzen Lande zu Hause, und das Bürger Recht haben, und nie sicher waren, von dem Fürsten in nämlichen Amte angestellt zu werden, folglich übertriebene Gebäude ihnen lästig fallen.

 

Diese Regel leidt zwar ihren Abfall in Städten, aber auf`m Lande muß nie mehr gebaut werden, als dazu gehörige Güter tragen können. Die übertriebene Gartenlust leuchtet also hier stark hervor, wegen dieser ein zweites oder doppeltes Haus zu bauen; - das war eine zu theure Liebhaberei. - Gleichwohl blieb er dabei noch nicht. sondern als das zweite Kelterhaus in den Hintertheil des Gartens schoße, und das Viereck brache, ließ er dieses abbrechen und auf eine andere Plaze im Hofe stellen. Wenn ich im Bausch und Bogen seine Bau- und Gärtnerei gering anschlagen solte, so schätze ich doch wenigstens der damaligen Zeiten ungeacht 14000 r. dazu gegangen zu sein, denn er baute heut und riß morgen wieder ab, so lang er gelebt hat. Er scheint das Vorurtheil gehabt zu haben, wenn er zu bauen aufhöre, sterben zu müssen.- Meine Mutter sagte ihm einstens: Wollen Sie denn ewig bauen? Worauf er mit verdrüßigem Gesichte erwiderte: Geben Sie den Armen, ich baue; als wenn er damit sagen wolle, die mir arbeiten sind auch arm. - Hätte er nur die Hälfte dieses Capitals verbaut, so hätte er gleichwohl dafür mit kluger Einrichtung ein hinlängliches herrschaftliches Haus hinstellen können, und gar hatte er dies respec nicht eins nöthig, weil er das urgroßväterliche, oder das großväterliche Stammhaus beziehen konnte, wenn er auch daran einige Verbesserungen verwendet hätte. Gewiß wäre so der größere Teil dieses Kapitals für die Kinder erspart worden, und hätte besonders in dem großväterlichen blos mit Anlegung von 2000 r. zur Verschönerung darin prächtig auch wohnen können. Es war was stand 2 Stammhäuser schon zu existiren, und doch ein drittes nicht nur noch dazu zu bauen, sondern daran noch obendrauf übermäßige Kösten anzulegen. Ganz recht ist es, daß jeder seinem Hang genüge, aber die Mäßigung darinnen muß noch immer vor Augen bleiben. - Ich richte hier die Handlungen meines Vaters, doch aber mit Vernunft keiner hat sich selbst gemacht, sonst würde jedem das Bild mehrerer Vollkommenheiten einfallen. - Wollt ihr Kinder diese Familien-Biographie fortsetzen, in der Folge, so könnt ihr mich auch richten, aber mit Vernunft, denn wir sind alle Menschen "quisque patitia suos manes"(eigentlich: quisque suos patimur manes). Jeder hat ein Steckenpferd und kann doch dabei der bravste Mann sein.

 

So ungebunden und liberal er bei seiner Gartenlust, den Baugeist nährte, so kärglich war er mit meiner Mutter. Kein festliches Kleidungsstück schaffte er ihr an, und die tägliche gering genug. Wollte sie ein gutes Kleid haben, um wenigstens bei Freunden zuweilen zu erscheinen, so mußte sie entweder an der Frucht oder ein Faß Wein in seiner Abwesenheit dazu verkaufen, und was hierbei das spaßigste war, daß er die neuen Kleidungsstücke sah, und kein Wort sagte, noch fragte: wo sie daran gekommen wäre? - Wenn er von Bonn oder Köllen kam, und die Frage war, haben sie auch für die Kinder oder für mich was mitgebracht, so war die Antwort: Potztausend Ja! ein Pfund Feigen; - wo sind sie denn, Ha, ich hab` sie unterwegs im Gefähr gegessen. Die gute Frau fragte ihn in der Folge nie mehr, und er brachte auch nie was mit.

 

Dagegen wieder war er gegen die Kinder außerordentlich freigebig, stolz, sogar üppig, diesen alles aufs kostbarste anzuschaffen; die erstern Kinder, deren meine Mutter eilf gebähret, starben alle, und nur die vier letztern blieben leben, wie sie im Stammbaum verzeichnet sind. Diese letzteren trafen also schon in seine betagte Jahre, wo er durch die Sterbung der Erstern vermuthlich empfindlich ward die letzteren auch zu verlieren, daß er mithin diese so sehr verzärtelte.

 

Zu Hercheim vulgo Herchen, Amtes Blankenberg, in des Herzogthum Bergs Siberien war zu der Zeit ein würdiger Pastor, der mit einem sehr geschickten Präceptor ein förmliches Gymnasium hielte. Seine Wohnung war schön und romantisch, so geräumig, daß das 10 bis 12 Eleven dem Herrenstande einnehmen konnte und die mehrere im Dorfe ihre anständige Kosthäuser fanden. Sein Garten war sehr groß mit gemauerten Etagen abgesetzt, weil er bergig war, neben der Pfarre liegend, die Kirche daran stoßend. Zur Seite führte eine sehr lange Allee zu einem Busche und hinter dem Hause ein großer Fischweier, vorn ein geräumiger Vorhof, der vorn nach der Straße zu ein ordentlich gebautes Gymnasium mit der nöthigen Stallung und Scheune einschließt. Eigentlich war das Schulhaus so eingerichtet, daß es zugleich mit Aushebung der bretternen Wänden für die am Ende jeden Jahres zu haltende Action, zu einer förmlichen Schaubühne flugs umgeschaffen werden konnte, deren auch alle Jahres eine abgehalten wurde; wobei so dann die Zuschauer auf dem Hofe, der ein paar tausend Menschen faßte, und in den Pfarreifenster diesem Spektakel beiwohnten. Dieser Pastor brachte seine Alumene bis zur vierten Schule, wo sie sodann ad humoriora mit vielen Ruhm zu den Städten gingen. - dies war der Ort, wohin unser Vater mich und meinen Bruder successive ad tyrocinium hinführte, nachdem er uns durch seine Scribenten etwa oberflächlich im Lesen und Schreiben vorbereitet hatte. Es wurden neue Kleider gemacht. Die Sonntags Westen mit goldenen Borden geziert, und die Hüte rundum mit schwarzen Federn eingefaßt; der Knab zu Pferde gesetzt, weil man dahin wegen dem Gebirge nicht fahren kann, der Reitknecht neben ihm gehend, und der Vater mit einer Allonge Perücke zu Pferde dabei. Von da sparte er keine Kösten uns nach Bonn und Köllen zu den höheren Schulen und endlich auf die Universitäten nach Mainz und Heidelberg zu schicken, wobei immer für die reichlichste Kleidung und die besten Gasthäuser gesorget war. Seine Kinderfreude ging soweit, daß er im Spielmonath die Preceptoren und die Hospites der Kosthäuser zu sich einlud, den Garten beleuchtete und sie im Sommerhause tractierete, dabei ließ er auch als Musikliebhaber keine gastirende Musikbande vorbeigehen; - den beiden Töchtern ließ er eben so gute Erziehung in den Ursulineren zu Bonn und Köllen beibringen; - die jüngste liebte er so sehr, daß er sie in der Jugend fast immer in dem Garten auf den Armen trug. Er begnügte sich mit seinen Haus- und Gartenvergnügungen, so daß er nie Gäste zu sich nahm, die von den Bedienungswegen kommen mußten, waren ihm noch so viel, dagegen ginge er selber auch selten bei Andere zu Gaste; es mußte denn wegen Geschäften unvermeidlich sein; wohl aber die sonderbare Laune bei bemittelte Bauerleute im Dorfe zu gehen, ein Glas Wein zu trinken und besonders nach dem Herbste die neuen Weine zu probieren, wozu er uns Buben als im Spielmonathe auch noch mitschleppte, vermuthlich in der Absicht, durch das Trinken zu erfahren, was für Wirkung der neue Wein mache. Das Ausbleiben darüber bis 9 oder 10 Uhren verdrieß aber meine Mutter. Er war allzeit jovial und aufgemuntertem Humor, dabei immer scherzend in seinen Weisen und andere erzählte von seinen Studentenjahren, daß er mit 5-6 seiner Freunden, die auch Musiker waren, einem reichen Frauenzimmer nachts beim Domhofe in Köllen öfters Nachts eine Serenate gemacht, auf einem wäre ein Trupp anderer Juristen gekommen, die sie aus Eifersucht wegschlagen wollten; sie, als schade ihre guten Musikinstrumente zerschlagen zu lassen, die Flucht vorgezogen, ihn aber als eben den Baß gestrichen zu haben, wären sie unten am Ende des Domklosters so nah auf den Leib gekommen, daß er keine andere Rettung gehabt, als auf einmal seinem nächsten Angreifer den Baß in den Kopf zu schlagen, wo Knall und Fall sein Gegner mit dem Kopf bis halben Leibs durch den Baß gehangen, vor ihm gestanden und dann den Hanf des Basses um den Leib, er aber das Griffblatt festhaltend hätte ihn in das da befindliche düstere Gäßchen eingezogen - seinen Baßgefangenen mit der Fläche seiner Degenklinge abgewixt, und auf sein Anhalten ihm den Baß über den Kopf ausgezogen und ihm das Leben geschenkt mit der Warnung nie mehr honnette Serenadenmusiker anzugreifen. Inzwischen wären die übrigen bei dem Schlag und Knall des Basses, denn es war ein großer Kontrabaß, unten mit einer Pauke, ganz erschrocken, zumal er von dem engen Gäßchen einen Widerhall, wie eine kleine Kanone gab, davon geloffen, und theils einige die andern verfolgt. Sein Gegner auch vom Knall und Klingenschwingen ganz betäubt, und wie in Ohnmacht, hätte ihm die gütigsten Worte gegeben, daß Unglück still zu halten, damit es bei der Universität, und dem Rektor magnificus zu einem schimpflichen Processe nicht auskäme, sondern er möchte vielmehr mit ihm alle anderen aufsuchen, damit Freund und Feinde sich versöhnten, und mit einander in die sogenannte Unnau gehen, um dort auf so viele Schräcken einen Friedenstrunk zu thun. Bis 12 Uhr hätte es gedauert ehe sie sich auf den Straßen alle zusammen gefunden und sodann zu der Unnau hingezogen, da freundschaftlich einander zugetrunken - überdem aber sein Gegener sich etwas erholter schmerzlich klagte, seinen Kopf nicht aufrecht halten zu können, als wenn ihm die Hirnschale verletzt wäre, worauf sie ihn visitirt und ein Stück vom Contrabaß eingeschlagen fanden; sie hätten ihn einstweilen so gut als sie konnten trepannirt, das Stückchen ausgezogen mit Essig ausgewaschen und bis 2 Uhr zu trinken fortgefahren - nun verabredet die gestörte Serenate in eine Morgens Cantate zu verwandelen - sie meinen Vater zu begleiten, um zu Hause seinen kleinen Baß zu holen, - dem großen nun boden- und deckellosen, aber heimzutragen, sodann dem nämlichen Frauenzimmer um 3 Uhr die Morgens Cantate zu vollbringen; und nach diesem den Verwundeten einem geschickten Feldscherern zu übergeben.-

 

Auch eine Reiseannectode war diese: Er wäre von Wien über Insbruck nach Venedig gekommen, um die dortigen Merkwürdigkeiten zu sehen und weiters nach Rom zu gehen,- Ein Beisitzender, der zu Insbruck in Garnison gelegen, fragte gleich ob das Schloß daselbst nach der Ausbesserung auch schön geworden wäre, - er erwiderte im Imprombte: bei Durchfahren hätte er in der Kalesche geschlafen und das Schloß nicht gesehen.

 

Der Blumist sive Blumenhändler Brüssel, der ihm zu seiner Tulipanen und Aurikeln Flor die jährlichen Zusätze aus Holland lieferte, sagte mir scherzend, ihr Herr Papa hat ein Flötchen in der Nase. Es war wirklich passend, denn er hatte sich ein öfteres Spauzen mit der Nase über im Reden angewöhnt, das einem Flötchen ähnlich war, das Drolligste hiervon kann der nur fühlen, der ihn lebend kannte.

 

Seine Aquisiten waren groß, aber übele Wahl dabei. Sein Wahlspruch davon zu den Kindern war immer: non minor est virtus, quam (quaerere) parta tueri. Es betrüge nach den Hausbüchern an 26.000 r. Güter und 30.000 r. an Kapitalien, also im Ganzen 56.000 r. worunter nur 50 Morgen Land. (freigelassen) im Jülichen Amte Grevenbroich 24 Morgen zu Esch im Köllnischen Amte Hülchenrath, das übrige waren lauter Weingüter und eine Mühle zu Rodenkirchen bei Köllen. Er herbstete gewöhnlich, ein Jahr um`s andere 160 Ahmen Wein, an 40 Ahmen Apfelkraut und 50 Malter Baumnüsse. Letztere wurden theils nach Holland verkauft und theils zu Oel geschlagen. Zu Sinzig, 2 Stunden von Honnef wurde ihm die Martels Burg käuflich angebracht, und doch kief er sie nicht , obschon sie ihm so nah gelegen war. Er hätte noch um 20.000 r. mehr hinterlassen können, wenn er sich nicht durch den Geheimerrath von Lanceau hätte bereden lassen bei Suspendierung des Richters Graf, diese Richters und Rentmeisterstelle eins mit dem Steuerempfang des Amtes anzunehmen; zu letzterem mußte er ?Accurancen? halten die Gelder verschleuderten und er ersetzen mußte.

 

Auch würde er an seinem vielen Weine wenigstens 20.000 r. mehr an seinem Vermögen gewonnen haben, wenn er die Herbstück wie ich nach physischen Grundsätzen gekannt hätte, was ich unten in meiner Biographie im Breiteren zeigen werde, wo ich selbst über 4000 weniger aus meinem Herbstück bezogen, auch ehe ich es kannte.

 

Hier muß ich aber sagen, daß in diesem Jahrhundert von 1700 bis 1780er Jahren immer wechselnd so gute Weinjahr erfolgten, daß der Product bis zu jährlichen 20 Prozent schluge und dies mag ihn zu so vielen Weingütern verleitet haben, nun trieb er bei seinem vielen Gewächse auch noch Handel dabei, theils schoß er den Weinbauern das Jahr hindurch vor, und nahm im Herbste Wein in Zahlung, - und theils immer wegen der Vielheit gar wohlfeil war, kaufte er auch noch Vieles bei, so daß er gewöhnlich aus einem Jahr ins andere ein Weinlager von 10 bis 1200 Ahmen liegen hatte.

 

Seine Kleidung war komisch, als gelehrter, schulmäßiger Reiter ritte er nicht anders als mit schweren Courier-Stiefeln, einer Allonge-Perrücke, einem mit Gold gebordeten Huth und einem damals sogenannten Packatran, lang und mit Aermel, es mochte regnen oder Sonnenschein sein, dies galt gleich. Im Hause trug er immer sogenannte damassen Hausjacken, wowie das Kamisol ohne Rücken in beiden Seiten des Jackes angenehet waren. Diese beiden Tragten waren ihm so eigenthümlich, nämlich der damassene

Jack und Palatran / roquelor / daß er mit ersterem immer ginge und Sonntags zur Kirche seinen Palatran nur darüber anzoge. Die Allonge-Perrücke und gebordeten Huth aufsetzte und so zur Kirche wanderte, und ich sozusagen keinen förmlichen Rock gesehen, den er je gehabt hätte. Dies ging gar soweit, daß, als er einsmal wegen einer mit dem Oberschultheiß von Bensberg gehabten Kommission, dorthin im obigen Anzuge hinritte, der Oberschultheiß vor dem Tischgebete begehrte sich gemächlich zu machen, und den Palatran auszuziehen. Was war zu thun? Er hatte nur seine damassene Hausjacke unter den Palatran mit seinen Kourirstiefeln protestierte gegen den Palatran bis endlich die ganze Tischgesellschaft ihm denselben abzwange und er nur in damassener Jacke zu Tisch saß.

 

Einstmals wandelte ihm doch eine andere Lebenssitte an. - Bei dem Vogte Meex Amtes Neuenahr hatte er Kapitals Zinsen auf dem Amte haftend, zu erheben. Er ritt einmal selbst zu diesem, der ein Verschwender in seinem häuslichen war; - er wurde bei diesem prächtig bewirthet, kam nach Hause zu meiner Mutter, und wollte auf einmal auch alles aufwendlicher haben. Sie erwiderte: Ja, wenn Sie es so haben wollen. Kurz darauf erlebte er, daß Meex in Armuth starb, die Frau Vogtin gar Köchin im Jesuiten-Convict zu Köllen werden mußte, und nun meine Mutter fragte, ob er noch dabei bliebe a la Meex leben zu wollen. Er befand aber besser bei behaltenem Guth zu bleiben.

 

Seine Religion war aecht und kurz; aufrichitg in seinem Wandel, verlangte nie ungerechtes Guth, beleidigte kein Kind, lebte für sich in seinen stillen Hausgnügungen, ginge Sonntags in die Frühmesse, predigte sich im Hause selbstens, ohne in die hohe Messe zu gehen, und nur aus zarter Empfindlichkeit für seine verstorbenen Voreltern ginge er am Allerseelentage nach der Villzeck, einem Nesselrod`schen Guthe zwischen Berg und Thal, in einer Einöde gelegen, diesen traurigen Tag zuzubringen, und nahm uns Kinder in unseren Studentenjahren mit dahin.

 

Holländisch Fischwerk und Kanterkaes waren so seine Leibspeisen, daß er die ganze Fasten halten, und sie dennoch auf Ostertag statt Fleisch essen konnte; auch liebte er so das Bier, daß er sich mitten im Weinlande seinen Braukessel aufsetzte.

 

Meine Mama seel. war ein wahres Tugendbild, sie lebte wie heilig, und konnte den Thomas von Kempis fast auswendig. Zur Kirche ging sie ohne Gebetbücher, darin nur Betrachtungen haltend. In Broichhausen 2 Stund entlegen ist ein wunderthätiges Muttergottesbild, den ganzen Sommer hindurch ginge sie wenigstens alle 14 Tage vor Tagesanbruch dahin, und war in 5 Stunden in ihre Haushaltung wieder zurück. - Papa starb auf Laurenci im Jahre 1760 und zwar anfangs seines 60. Jahres. Die Mama war am 12.Juni 1702 gebohren, also beim Ableben des Papas 58 Jahre; sie wurde zur Heirath begehret, die sie ausschlug, obschon die Kinder, außer der ältesten Tochter, noch unversorgt waren. Aus obgerührtem Vermögensstand kann man sehen, was eine zweite Ehe den Kindern geschadet haben würde.-

 

Sie hatte immer eine schwere Landhaushaltung mit vielen Knechten und Mägden geführt, wowie sie selbst mit die schwersten Magddiensten gethan. Unter anderen holte sie allezeit Mittags und Abends den Tischwein in dem 50 Trittlinge tiefen Keller, daß man allein glauben wollte, ihr Leben verkürzt haben zu müssen.

 

Papa pflegte Abends mit einem Schlafräuschchen schlafen zu gehen, und dies machte mit den jeweiligen Nachmittags-Tränken den 3. - 4. Kellergang. Er liebte eine kleine Küche aber alles mußte gut zubereitet sein. Zufällig hatte sich ein Churfürstlicher Mundkoch von Bonn auf Godesberg als Einsiedeler begeben, diesen nahm er auf einige Wochen zu sich um die Mama in allen Nebenspeisen auf`s niedlichste zu unterrichten, und wahrlich, sie hatte es so gut abgelehret, daß wir Kinder sie in den besten Kosthäusern vermißten. - Sie starb am 14.September 1777 also beim 75 Jahre 3 Monate 2 Tage ihres gottseligen Alters, nachdem sie zwar ihre 4 Kinder alle sich zu Stande gebracht, erlebet, war sie auch dadurch ihre letzten 7 Lebensjahre mit einem Hausgeistlichen allein gefunden. - Mein Bruder und ich hatten das Unglück, sie nicht mehr lebend zu treffen, als wir Morgens 10 Uhr ankamen war sie die Nacht um 2 Uhr verschieden, unter inneren Seufzen auf unsere Ankunft. Sehr hat sie geschmerzet, die 7 Jahre allein lebend kein Kind bei sich im Amt versorgt gehabt zu haben; sie empfahl uns oft für diesen Fall uns zu hüten, und wenigstens eins seiner Kinder womöglich bei sich zu versorgen.

Wie Papa seel. starb, hatte mein Bruder seine Studien eben hinterlegt, konnte aber die elterliche Bedienung nicht erhalten, weil der de Grave zwölftausend Bancogeld als Forderung vom Churfürsten Johann Wilhelm dafür schwinden ließ. Er begehrte demnach, weil eben keine andere Vacatur war, eine Jülich und Bergische Hofrathsstelle und erhielt sie; dabei mußte aber viel mit referiren gearbeitet werden, wenn einer in eine teuere Stadt von dem seinigen nicht zuviel beisetzen wollte. Dies behagte ihm nicht, und nahm nur die Rentmeisterei Amts Nörvenich, heirathete eine nicht haushälterische Frau und starb am 31.August 1813, gebohren den 10.April 1738 also im 75. Jahre 4 Monate 21 Tage seines Alters bis wohin ihm sein beiderseitiges Vermögen kaum hinreichte. - Er war ein biederer, gutherziger, redlicher Mann, hinterließ 3 Söhne, wovon einer Gerichtsschreiber zu Düren, der andere kaiserlicher Oberleutnant, der 3. im bergischen Forstwesen, und 2 Töchter, wovon eine den Staatsrath Linden, und die andere den Oberrichter Sang geheirathet haben.

 

Meine älteste Schwester heirathete den Obristforstmeister von Laux über die bayrischen Herrschaften in Böhmen zu Dobyrei, die nur eine Tochter hinterließ, die der kaiserliche Hauptmann Ohra von Prellowiz geheirathet.

 

Meine jüngere Schwester geboren den ersten Oktober 1746 war mit Hofrath und Vogtsadjunkt Frentz zu Bergheim verheirathet, und jetzt Witwe. Was dieser für ein Mann war, ist in ganz Jülich und Bergisch bekannt. Seine Prozeßsucht hatte keine Gränzen, darin kann seines Gleichen nicht in der Welt gewesen sein, dadurch ist er auch verschuldet gestorben. Bei unserem elterlichen Theilungs-Geschäft hat er auch übel gehandelt, wie sich unten zeigen wird. Kurz er war cui liber vatus, et nemini bonus.-

 

Meine Biographie

 

Am 20. August 1744 war ich gebohren; mein Patt war der churköllnische Stadtschultheiß und Kölner Stadt und Amtes Rheinberg Johann Adolph von Wilberg, mein Oheim mütterlicherseits und Gode, Mechtild von Zaun, meine Großtante. Von den ersten Kinderjahren an war ich gelehrig und geschwinden Begriffs, lesen und schreiben hätte ich fast aus mir selbst gelehret; meine erste reine Abschrift aus der Schule heimbringend, wollten Eltern und die beiden Scribenten nicht glauben von mir zu sein. Früh machte sich bei mir der Hang zur Zeichenkunst, beim Theetrinken zeichnete ich mit Fingern und Theewasser alle Fraktur - Buchstaben und Züge vom Jülich u. Berg Wandkalender. Da immer Handwerksleute im Hause waren, ahmte ich als 6 jähriges Kind schon alle Handwerker nach, den Schreiner mit Bohrer und Hobeln, den Leiendecker mit Leienhauen, den Faßbinder mit Reifen machen p.p. kurz, Hang zu allen mechanischen Künsten und Wissenschaften. urit mature, quod vult urtica manere. Mit 5 Jahren hatte ich das Unglück, daß mich die Kindsmagd fallen ließ, es verschwieg und dadurch den Defect in der Hüfte behielt. - Meine Studien hinterlegte ich; in allen unteren Schulen erhielt ich goldene Bücher in inferioribus war ich zuweilen so dreißt, daß ich die materiam argumenti ex ore dictantis magistri, überm Dictiren in`s Latein niederschriebe und doch noch als 2us oder 3us damit wurde.

Die väterlichen Leidenschaften des Bau-, Garten- und Musikgeistes müssen als eine Erbschaft seiner Voreltern so starken Eindruck auf seine Seele gehabt haben, daß es in die folgenden Generationen mit dem jovialischen übergegangen, denn mir und meinem Bruder all das nämliche angebohren, das sich schon in den Jugendjahren im nämlichen Maße entwickelte; frühe sange er uns schon vor, dat Galenus opes, Justinianus honores; - sein Wunsch war, wenigstens einen zum Arzte zu bringen. Er hatte nicht Unrecht, wir zogen aber Justinianus vor.

 

Von der Universität ging ich zwei Jahre nach Düsseldorf ad pruin nun nach Haus zur Mama und führte dieser 6 Jahre lang ihre Geschäfte. Der Gerichtsschreiber des Städtchens Königswinter, Herr Croal, war in dieser Zeit mein bester Freund bei meinem Landleben, er war auch ein Liebhaber der Musik und hielten daher wechselweise bei mir und ihn alle Wochen ein Quadro oder Symphonie. Wenn sich eben mehrere Liebhaber trafen. Dieser ehrliche Mann starb in der Blüthe seiner Jahre, kurz nachdem wir eine musikalische Lustreise nach Tönisstein zum Sauerbrunnen zusammen gemacht hatten, sehr empfindlich war mir dieser Todesfall, bis in spätes Alter erinnerte ich mich dieses verlorenen Freundes, und ebenso mein Bruder, der im Sommer mit Vierteljahren von Düsseldorf zu uns kam, und als Liebhaber mitmachte. - Im Jahre 1770 erhielt ich Nachricht, daß der Herr Amtskellner und Scheffen des Hausgerichts (Hauptgerichts?) Wingels zu Jülich seine Bedienung resignieren wolle; - ich ritte mit der Mama ihren schönen Schimmel hin, sie bestand aus den Aemtern Jülich, Aldenhoven, Eschweiler, und des Dingstuhls Pür (Buir) und Merken (Morken?), also aus dem größten Bezirke aller Landkellnereien und wurde auf 1700 r. Edictenmäßigen Resignations Schilling mit ihm einig. Nun ging das Bestätigungs Gesuch nach Hof, das an Empfehlungsfreunde auch noch 100 Dukaten mithin im ganzen 2100 r. kostete. Hier ist es an seinem Orte die Familien - Suplicks - Motiven anzuziehen um meiner Abstammung den Gebrauch davon bekannt zu machen. -

 

In meinen Stammbäumen väter- und mütterlicherseits findet sich von der 10ten Generation her, jede zu 50 Jahr gerechnet, also bei 500 Jahre, bis hierhin meine Vor-Eltern in ersten Landesdiensten als Stadtschultheiße, Vögte, Richtern, Amtsverwalter, Kellner p.p. gestanden, und mehr ist in adeliche Familien geheirathet zu haben, sich selbst also zu einem der ersten Landpatriziats-Geschlechte rechnen zu können.

 

Der Großoheim Rüttger Steffens in den damaligen Kriegen zweimal als Geisel für`s Amt mit weggeführt worden zu sein, daß die Familie auf eigene Kosten bestritten, ohne vom Amt und Lande das Lösegeld zurückzufordern. Ebenso bei jedem Kriege fast immer in ihren Wohnsitzen die Lazarethslasten ohne Amts und Landsentschädigung getragen zu haben, sohin bei diesen Opfern und so viel Jahrhunderten her dem Churhause treu geleisteten Dienste hoffen müssen, als zu fernern würdig angestellt zu werden.

 

Wirklich ist meine Genealogie darin merkwürdig, daß sich mancher Junker nicht so weit zurückschreiben kann, und beim Herrenstande selten sein. Die Grade vom Adel bis zum Bürgerstand sind - o. - Herrenstand, auch Mittelstand genannt - d. der Bürgerstand. Der Bauernstand von der bemittelten Klasse muß bei jetzigem Zeitgeiste zu dem Bürgerstande gerechnet werden; - das in den Städten und auf dem Lande befindliche sogenannte gemeine Volk ganz unbemittelt (Kötter, Plebs) plebeji - roture roturier - haben keinen Grad. Mein Geschlechtsregister geht bis zum 13. Jahrhundert zurück, und die älteste Junkerfamilie nach den Annalis Brosij bis zum 11. Jahrhundert. - Die Gelehrten sagen: Es ist keine Familie, welche ihren Ursprung bis auf Karl dem Großen zum Jahre 768 hinaufführen kann, es folge daraus, daß sogar die ältesten fürstlichen Häuser in Europa auf`s höchste 30 Generationen zählen können drei auf hundert Jahre angenommen und doch gibt es sehr wenige welche, ......

 

 

NB. Hier bricht leider die Geschichte ab, wahrscheinlich hat der Oberforstmeister Steffens, mein Großonkel, welcher geadelt, und in den Freiherrnstand erhoben worden, und in Eschweiler gewohnt hat; - die fehlenden Blätter herausgerissen, da sich in denselben Äußerungen über die jetzige Königs-Reg. befunden haben sollen, welche nicht recht am Platze waren.